Im Interview – Simon Klopstock, Unabhängiger Direktmandatkandidat besucht seine frühere Schule

Mit einem selbst finanzierten Wahlkampf hat sich der parteilose Simon Klopstock um ein Direktmandat für den Bundestag beworben. Am 29.10.21 besuchte der 24-jährige unsere Schule, an der er bis 2014 Schüler war. Die Montessorischule schätzt er als Ort, der ihm Freiheit für die Selbstentwicklung eröffnet hat. Über seine Motivation, sein Wahlprogramm und die weitere Zukunft sprach er nun mit den SchülerInnen der 9. und 10. Klasse an der Montessorischule Hohenbrunn. Das Interview wurde von unseren Schülersprechern Anulika Nweze + Valentin Schirop vorbereitet und moderiert.

Knapp 200 waren angetreten. 200 parteilose BürgerInnen, die sich bei der Bundestagswahl 2021 für ein Direktmandat bewarben. Geschafft hat es keiner, über die 10-%-Prozent-Hürde zu kommen. Beachtlich viele Stimmen konnte dennoch Simon Klopstock auf sich vereinen. Der 24-Jährige kandidierte im Wahlkreis München-Ost und fuhr mit gut 1.600 Stimmen (0,9 %) eines der besten Ergebnisse der unabhängigen DirektkandidatInnen ein. Mit selbst gebasteltem Infostand und eigens aufgehängten Wahlplakaten zeigte der enthusiastische Münchner in den Wochen vor der Wahl viel Präsenz.

Du willst an der Gleichstellung der neuen und alten Bundesländer arbeiten. Warum ist dir das wichtig?

Simon: Die Wiedervereinigung ist schon lange her und wir haben die deutsche Einheit immer noch nicht wirklich geschafft. Wir haben es bislang nicht geschafft, in einem Land alle gleichberechtigt leben zu können und haben immer noch Gehalts- und strukturelle Unterschiede. Abhängig davon, wo ich geboren werde, habe ich in Deutschland unterschiedliche Chancen.

Du beschäftigst dich mit vielen Themen wie Pressefreiheit und Klimaschutz. Gibt es ein Thema, das dir besonders wichtig ist?

Simon: Absolut. Das ist die Landwirtschaft. Das ist auch ein Thema, das stark mit dem Klimaschutz verbunden ist, aber auch oft vergessen wird. Die Landwirtschaft hat eine Doppelrolle. Zum einen ist sie ein großer Emittent, sie stößt also viel CO2, Methan und viele Stickoxide aus. Andererseits könnten wir aber auch eine Landwirtschaft haben, die als CO2-Senke funktioniert, d.h. klimaschädliche Gase aufnimmt und gleichzeitig für das Klima hier vor Ort nützlich ist. So wie wir momentan Landwirtschaft betreiben - mit großen „Wüsten“ – haben wir gar keine Möglichkeit, die Erwärmung und Wetterextreme aufzufangen. Wenn wir eine kleinere Landwirtschaft haben, die wieder mehr Wasser speichert, die wieder mehr Artenvielfalt zulässt, werden wir wieder ein besseres Klima vor Ort haben und können mit den veränderten Bedingungen besser umgehen. Deswegen ist das ein Hauptpunkt, von dem ich sage, da muss viel passieren. Leider fällt das oft hinten runter.

Wie stehst du zu LGBTQ+?

Simon: Da wurde ich auch schon darauf angesprochen. Das war auch ein Wunsch von mir, dass man sagt, irgendein Thema interessiert mich und ich bring es dann hin zu dir. Daraufhin habe ich eine Passage zur Gleichberechtigung bei mir im Wahlprogramm aufgenommen. Ich finde es ein schwieriges Thema, das Aufmerksamkeit bekommen sollte, aber gleichzeitig bin ich der Meinung, dass es gar keine Aufmerksamkeit bekommen sollte, weil es normal sein sollte. Ich hab mal mit Leuten geredet, die behindert waren. Die haben mir erzählt, dass sie auch mal mit dem Rollstuhl durch die Stadt fahren würden wollen, ohne dass es Aufmerksamkeit erregt. Ich denke, das ist es, wo wir hin wollen, dass alle so sein können, wie sie wollen oder wie sie sind, ohne dass man groß thematisiert, wo komm ich her, wie sehe ich aus, welche Orientierung hab ich.

Was sagst du dazu, dass es bald nur noch E-Motoren geben soll?

Simon: Das ist eine der schwierigsten Fragen. Ich hab mich im Wahlkampf daran gestört, dass Autos immer noch so ein großes Thema sind. Von der Abendzeitung habe ich mal einen Fragenkatalog mit 13, 14 Fragen bekommen und 4 davon waren wieder über Autos. Da frage ich mich, haben wir keine anderen Probleme als „wie schnell darf ich fahren“ oder „wie viel Stau hab ich hier auf dem Münchner Ring“. Ich finde das einfach zu klein gedacht. Im Endeffekt finde ich E-Motoren besser als Verbrenner, aber ich glaube, wir kommen mit der Individualmobilität nicht weit. Wenn 80 Millionen Deutsche Auto fahren wollen, dann funktioniert das nicht, egal welches Auto das ist. Und deswegen stört mich diese Fixierung darauf.

Viele andere Parteien haben die Legalisierung von Cannabis in ihrem Wahlprogramm. Was hältst du von dieser Idee?

Simon: Einerseits bin ich absolut dafür, weil ich viele Vorteile sehe wie weniger Kriminalisierung. Portugal hat beispielsweise alles legalisiert und die Zahlen von Missbrauch und Konsum sinken. Mich betrifft das Thema nicht so stark und daher habe ich es nicht besonders aufgegriffen. Vielleicht auch, weil ich unterbewusst wusste, dass es viele Leute, insbesondere ältere, auch stören würde. Ich habe es aber auch nie sonderlich abgelehnt.

Wie viel Zeit hattest du denn für den aktiven Wahlkampf? Corona-bedingt waren das doch sicher nur ein paar Wochen.

Simon: Ich habe auch lange drüber nachgedacht, ob mir ein früherer Wahlkampfbeginn mehr gebracht hätte. Aber ich hab schon viel davon gelebt, dass da plötzlich auf Plakaten ein neuer Mensch war, und plötzlich war ich auch in Zeitungen. Wenn das schon ein Jahr lang gelaufen wäre, hätte sich vielleicht auch niemand mehr dafür interessiert. Das war schon auch Teil der Taktik.

Wie hast du den Wahlkampf finanziert?

Simon: Ursprünglich komplett privat. Ich hab zunächst dafür gespart. Tatsächlich kamen dann aber viele Spenden hinzu und selbst am Wahltag haben mir Leute noch geschrieben, dass sie für mich spenden würden, egal wie es ausgeht. Das war sehr beeindruckend. So konnte ich mir auch ein paar Sachen leisten, die ich nicht eingeplant hatte.

Kannst du dir vorstellen, irgendwann eine eigene Partei zu gründen?

Simon: Nein. Es gibt schon genug Ein-Mann-, Ein-Frau-Parteien, die sich auf einzelne Themen konzentrieren. Wenn man lange genug sucht, findet man zu jedem Thema eine Partei. Ich glaub nicht, dass es hier noch mal eine bräuchte.

Bist du enttäuscht, dass du nicht in den Bundestag eingezogen bist?

Simon: Klar. Ich würde lügen, wenn ich nein sagen würde. Am meisten enttäuscht war ich aber, dass ich so wenige Stimmen bekommen hatte. Aufgrund der Rückmeldungen hatte ich schon gehofft, dass da etwas mehr herausspringt. Ich habe 1.649 Stimmen bekommen, das sind ca. 0,9 %. Das ist sehr wenig. Aber im Vergleich mit allen anderen parteilosen BewerberInnen – das waren ca. 200 – hab ich nur zwei gefunden, die besser waren als ich. Was irgendwo cool ist, aber gleichzeitig finde ich es schade. Es gab zum Beispiel einen Unternehmer in Weiden, der hat  bestimmt das Zehnfache an Geld reingesteckt, hat eine Firma, kennt sicher einen Haufen Leute, und kriegt auch nicht mal 10 % an Stimmen. Da fragt man sich dann doch, vielleicht ist es einfach nicht möglich, es ohne Partei zu schaffen. Aber ich hatte auch noch nicht unendlich viel Zeit, darüber nachzudenken, was ich jetzt aus dieser Erfahrung mitnehme und was nicht.

Wenn du jetzt nach Berlin gegangen wärst, wäre das nicht eine krasse Veränderung in deinem Leben gewesen?

Simon: Mit Sicherheit. Andererseits glaub ich, hätte ich auch da weiter studieren können. Ich mach ja ein Fernstudium, das man auf Teilzeit setzen kann. Und natürlich wäre es eine wahnsinnige Veränderung gewesen, aber durch den Zug, der nur 3,5 Stunden von München nach Berlin braucht, wäre ich auch ständig hier gewesen, weil man ja auch hier Aufgaben hat. Daher glaube ich, dass die Veränderung im Alltag nicht so groß gewesen wäre, wie man vielleicht denkt. Klar hat man viel zu tun, aber das habe ich jetzt auch. Es wäre eben auf eine andere Weise gewesen, man hat ja plötzlich Mitarbeiter etc.

Manche Leute reiben sich am üblichen Politikbetrieb auf. Das ist ja noch mal was anderes, wenn du dein eigenes Ding machst, oder?

Simon: Meine größte Macht wäre wohl so eine Art Strahlwirkung gewesen. Das es geht, dass man ohne Partei Leute vertritt, und andere ermutigt, es auch zu tun. Gleichzeitig hab ich das auch immer ein bisschen mit Aktivismus verglichen. Sonst habe ich viel hier oder auf der Straße gemacht und da war ich einer von 80 Millionen, und dann wäre ich schon einer von 700 gewesen und hätte sicher Leute mit ähnlichen Ansichten gefunden, die man hätte überzeugen können. Wenn man da wieder ein Stückchen zusammenarbeitet, hat man auch Macht und Einfluss.

Was sind die nächsten Pläne für die Zukunft?

Simon: Ganz ehrlich weiß ich das noch nicht. Das war eine lange und harte Zeit und jetzt bin ich wieder voll in der Arbeit und im Studium, um alles aufzuholen, was ich nicht erledigt hatte. Mindestens ein halbes Jahr fokussiere ich mich nun auf Arbeit und Studium und dann sehe ich weiter, was passieren wird.

Warum wusstest du schon damals, dass die Montessori-Schule der richtige Ort für dich war?

Simon: Ich denke vor allem im Vergleich mit Freunden und Freundinnen hatte ich immer viele Freiheiten, bin immer gerne in die Schule gegangen, konnte immer ins Eishockey-Training gehen, weil ich das gut mit der Schule vereinbaren konnte. Alle anderen hatten schon immer Stress und keinen Spaß. Da war ich hier einfach sehr, sehr froh.


Hast du das Gefühl, dass du etwas von dieser Schule mitgenommen hast, das einen positiven Einfluss auf deinen Werdegang hatte?

Simon: Ganz viel! Ich glaube, wir haben hier während meiner Schulzeit 27 Referate gehalten. Da kann keine andere Schule mithalten, da gibt es einfach nicht diese Feedback-Kultur. Auch zu sagen, ich mach mein eigenes Ding in meinem Tempo und werde trotzdem von den Leuten um mich herum unterstützt, hat sehr viel gebracht. So konnte ich mich auch jetzt trauen, mein eigenes Ding zu machen, aber ich war mir auch sicher, dass die Leute mich unterstützen würden.

 

Vielen Dank für dieses Interview!