Grenzen und Freiheit, ein Vortrag mit Claus-Dieter Kaul

Am Dienstagabend, den 17. April verzichteten, trotz eines hochkarätigen Bayernspiels, viele Eltern und Lehrer auf den Fußballabend und füllten alle Plätze der Turnhalle, um einem interessanten Vortrag zum Thema Freiheit und Grenzen zu lauschen.

Wie viel Freiheit braucht ein Kind und wo setze ich Grenzen, diese Frage stellen sich Eltern und Lehrer immer wieder. Claus-Dieter Kaul, Grund-, Haupt- und Realschullehrer, Sonderpädagoge und Montessoriausbilder mit einem Erfahrungsschatz von 40 Jahren, versuchte in zwei Stunden Antworten zu geben. 

In der Gesellschaft, in der wir heute leben, hat die Wahlfreiheit einen großen Stellenwert. Doch oft wird vergessen, dass zur Wahlfreiheit auch Verantwortung gehört. Im Spannungsfeld der Forderung nach mehr Disziplin auf der einen Seite und Nachsicht und Freiheit für die gestressten Kinder auf der anderen, werden Eltern und Lehrer oft verunsichert. Aus Angst und Unsicherheit werden mitunter kuriose Freiheiten gewährt, z. B. bei der Wahl des Familienautos, es werden aber auch Grenzen gesetzt, die eine Autonomie der Kinder verhindert. Die Frage nach dem erreichbaren Schulabschluss begleitet die Familien oft schon ab der ersten Klasse und begrenzt das schulische Lernen auf die reine Wissensvermittlung. 

Doch Schule muss mehr sein! Oft wird die Ausbildung von tugendhaften Charaktereigenschaften vernachlässigt. So sollte der wertschätzende Umgang miteinander wieder einen höheren Stellenwert bekommen, Fehler müssen erlaubt sein und der natürliche Spieltrieb und die Neugierde Triebfeder für Lernen mit Freude sein. „Was bringt uns das, wenn zwar alle ein Abitur machen, aber viele als seelische Krüppel auf der Strecke bleiben“ ermahnt Claus-Dieter Kaul. Die allerseits geforderte Inklusion wird zu Farce, wenn nur das Abitur zählt. Eine Gesellschaft die ausschließlich auf Abiturleistungen schaut, begrenzt sich selbst und verarmt.

Für Glück braucht man Geduld und Gelassenheit, die Freiheit im Denken, Rücksichtnahme auf die Individualität der Kinder und eine optimistische Grundhaltung. „Freude im Alltag schaffen, Verantwortung übergeben, Vertrauen schenken, Selbstvertrauen stärken, Verbindlichkeiten schaffen und durch Rituale die Gemeinschaft fördern, das ist die Basis pädagogischer Arbeit“ erklärt der Referent.

Eine Schule, bei der dies gut klappt, ist die Montessorischule Potsdam. Am Beispiel dieser, 2007 mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnete Schule, zeigte Herr Kaul auf, wie man Schule gestalten kann. Ein wichtiger Aspekt für das Gelingen von Schule ist die Raumgestaltung. „Der Raum ist der dritte Pädagoge“ führt Kaul aus. „Warum hat jeder Schüler in der Grundstufe einen eigenen Tisch?“ fragt er provokant nach. „Ein Schülertisch ist so gestaltet, dass ein Mäppchen, ein Heft und ein Zipfel von einem Buch darauf passen. Mehr nicht. Ist das nicht eine unzulässige Begrenzung?“ „ Haben die Kinder die Freiheit zu arbeiten, wo sie möchten, wird das Material und der Raum intensiv genutzt.“ 

Eine Beobachtung, die Claus-Dieter Kaul mit Besorgnis wahrnimmt, ist, dass die Kinder zunehmend Schwierigkeiten haben, Themen intensiv zu bearbeiten. Schnell wird ein neues Material geholt, bevor das vorhergehende vollständig bearbeitet ist. „Helft den Kindern dran zu bleiben“ fordert der Montessori-Profi die Lehrerschaft auf.

Bedauerlich findet Kaul die Trennung der Kinder nach der 4. Klasse in Bayern. Nachdem die Grundfertigkeiten gelernt sind, sind die Kinder in den Klassen vier bis sechs besonders leistungsfähig. Müssen die Kinder nun die Schule wechseln, bringt das viel Unruhe mit sich und die Zeit kann nicht optimal genutzt werden. In dieser Klassenstufe übernimmt der Lehrer immer mehr die Funktion des Lerncoach. Die Kinder benötigen Leitlinien als Orientierung für freiheitliches Arbeiten und die Eltern regelmäßige Informationen über die Arbeit ihrer Kinder. Nur so kann ein Klima des gegenseitigen Vertrauens hergestellt werden. 

Die Zeit der Pubertät muss nach Ansicht von Claus-Dieter Kaul entschult werden. Er zeigte einen Film über das Erdkinderprojekt der Montessorischule Potdam. Dort arbeiten die Jugendlichen im siebten und achten Schuljahr jeweils für eine Woche im Monat auf ihrem Projektgelände am Schänitzsee. Unter Anleitung von Handwerkern bauen die Jugendlichen eine Landwirtschaft auf und erstellen verschiedenste Gebäude. Das Projekt läuft nun schon seit einigen Jahren und der Erfolg ist offensichtlich. Die schulischen Leistungen in den nachfolgenden Jahren sind seit dem Projekt deutlich höher, obwohl viele klassische Schulstunden dafür ausgefallen sind. Die Begeisterung mit der die Schüler an diesem Projekt arbeiten war im Film deutlich zu sehen. 

Die Schüler und Schülerinnen der neunten und zehnten Klasse arbeiten in Lernbüros an ihren Schulabschlüssen und bereiten sich somit auf die Arbeitswelt vor. Klar, dass nach dem Erdkinderprojekt der Unterricht nicht in den alten Schulbänken weitergehen kann. Der Weiterentwicklung der Schüler muss auch die räumliche Gestaltung folgen. 

Die Montessorischulen sind Vorreiter für eine neue Form des Lernens und vieles, was in der Reformpädagogik erfolgreich ausprobiert wird, findet Eingang in die Regelschulen. Es gibt noch viel zu tun. Claus-Dieter Kaul zitiert aus Michael Endes Buch Momo die Geschichte des Straßenkehrers Beppo, der seine Arbeit Schritt für Schritt erfolgreich bewältigt und fordert die Schulgemeinschaft auf, es ihm gleich zu tun. Schritt, Atemzug, Besenstrich…

Es hätte noch lange so weitergehen können, doch es wurde spät und so beendete Bärbel Weber vom Elternbeirat die Fragerunde mit den Zuhöreren und bedankte sich für die vielen Anregungen.

Text und Fotos: Sabine Emmerling