Es ist normal, verschieden zu sein!

Vortrag von Prof. Dr. habil. Zimpel an der Montessorischule Hohenbrunn

Am Freitag, den 7. Oktober 2011 referierte der Diplom-Psychologe Prof. Dr. habil. André Frank Zimpel über das Thema „Es ist normal, verschieden zu sein! Wie die aktuelle Hirnforschung Montessori bestätigt“ in der Montessorischule Hohenbrunn.

Rund 100 Interessierte waren am Freitagabend in die Montessorischule Hohenbrunn gekommen, um den Vortrag über das Thema „Es ist normal, verschieden zu sein! Wie die aktuelle Hirnforschung Montessori bestätigt“ anzuhören. Den Abend hatte Bärbel Weber vom Elternbeirat organisiert, und sie freute sich ganz besonders, dass Prof. Dr. Zimpel sich bereit erklärt hatte, relativ kurzfristig eine Vortragslücke zwischen zwei Veranstaltungen in der Montessorischule an der Balanstraße und beim Montessori Landesverband Bayern e.V. mit diesem Vortrag in der Montessorischule Hohenbrunn zu schließen. Prof. Dr. habil. André Frank Zimpel ist Diplom-Psychologe und Diplom-Lehrer mit den Fächern Mathematik und Kunsterziehung und lehrt an der Universität Hamburg. Sein Forschungsschwerpunkt ist die geistige Entwicklung unter den Bedingungen neurologischer und psychologischer Syndrome.

Mit großer Spannung verfolgten die Zuhörer, überwiegend Eltern und Pädagogen, wie der Referent die von Maria Montessori beobachteten Erkenntnisse zur Polarisation der Aufmerksamkeit, der sensiblen Phasen und zur intrinsischen Motivation mit Ergebnissen aus der aktuellen Hirnforschung bestätigte. Wie auch Maria Montessori, ist Prof. Dr. Zimpel davon überzeugt, dass Erkenntnisse aus der erfolgreichen pädagogischen Arbeit mit Kindern, die Lernschwierigkeiten haben, auch für alle anderen Kinder von Bedeutung sind. Als Beispiel zog er erstaunliche Ausbildungserfolge von Menschen heran, die mit einer Trisomie 21 leben. Ein kurzer Film zeigte den Spanier Pablo Pineda mit Downsyndrom, der erfolgreich sein Abitur ablegte, Pädagogik studierte und jetzt als Grundschullehrer arbeitet. Forschungsergebnisse zeigen, dass ein Mensch ohne Trisomie 21 simultan vier oder fünf Dinge auf einmal erfassen kann, ein Mensch mit Trisomie 21 hingegen nur zwei bis drei. Dieser geringeren Aufmerksamkeitsspanne steht ein besonders gutes Abstraktionsvermögen gegenüber. Spricht man mit Lerninhalten einen einzelnen Sinn an, können diese besonders rasch aufgenommen werden. Das Montessorimaterial setzt genau hier an. Es werden einzelne Sinne nacheinander und nicht gleichzeitig angeregt.

Pablo Pineda hatte das Glück, von seinen Eltern schon früh auf die richtige Weise gefördert zu werden, und so kann er heute als Hauptdarsteller im Film „Me too – Wer will schon normal sein?“ mitwirken und seine Lebenssituation vielen Menschen nahebringen. Dabei wurde deutlich, dass Pinedas größter Wunsch, als „normal“ wahrgenommen zu werden, noch ein Traum bleibt. Doch was heißt schon normal? Dieser Frage nahm sich Prof. Dr. Zimpel mit mathematischen Beispielen an und führte dem staunenden Publikum anhand von Strichmännchen vor: „Normal gibt es nicht!“ Er zeigte auf, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, „normal“ zu sein, als zu einer Randgruppe zu gehören, wobei sich die verschiedenen „Normalen“ dabei stärker voneinander unterscheiden können, als die Personen in einer Randgruppe. Die Vorstellung eines „normalen“ Menschen sei eine Illusion, ebenso wie der Wunsch nach homogenen Regelschulen – es könne nur heterogene geben, so Zimpel.

„Habt Verständnis und Nachsicht für die Pubertierenden,“ forderte der eloquente Professor die Eltern und Lehrer auf. Mit Beginn der Pubertät baue sich das Stirnhirn vollständig um und es komme zu Ausfallerscheinungen. Dieser erstaunlich umfangreiche Neuaufbau des Stirnhirns mit den wichtigen Bereichen der Spiegelneuronen und der damit einhergehenden Fähigkeiten wie Perspektivwechsel und dem Zusammenspiel von Bewegungs- und Handlungssteuerung oder auch der Entwicklung der Charaktereigenschaften dauere bis etwa zum 25. Lebensjahr an. In dieser Zeit finden die Pubertierenden ihre Persönlichkeit, und es wird die Toleranz der Gesellschaft ausgetestet. Das Gehirn kann während der Pubertät viel Neues lernen, aber ohne intrinsische Motivation können die Potenziale nicht ausgeschöpft werden. Prof. Dr. Zimpel setzt hier auf Projektarbeit, bei der auch seine Studenten große Erfolge erzielen.

Nach eineinhalb Stunden – alle Anwesenden waren immer noch in seinem Bann – schloss der Referent den offiziellen Teil seines Vortrags. Prof. Dr. Zimpel beantwortete danach diverse Fragen und stand für persönliche Gespräche zur Verfügung. Der Büchertisch der Bücher AG mit den Publikationen Prof. Dr. Zimpels, darunter „Zwischen Neurobiologie und Bildung. Individuelle Förderung über biologische Grenzen hinaus“,„Mia, Max und Mathix. Auf dem Weg zum Zahlbegriff“,„Der zählende Mensch. Was Emotionen mit Mathematik zu tun haben“ sowie mit Büchern zur Montessoripädagogik fand regen Zuspruch.

Text: Christine Herrmann, Sabine Emmerling
Fotos: Marion Adlkirchner